Fact vs. Fear: Die Wahrheit über „Free-from“ Claims in der Kosmetik
- babassu soaps

- 10. Nov. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Feb.

TL;DR:
Viele „Frei von“-Werbeversprechen (Free-from Claims) sind reine Marketing-Taktiken, die auf „Chemophobie“ setzen, anstatt die Sicherheit zu erhöhen. Während „chemiefreie“ Kosmetik wissenschaftlich unmöglich ist, hilft dir das Verständnis der Rechtslage (EU-Verordnung 655/2013) und der INCI-Liste dabei, echtes Expertenwissen von Marketing-Tricks zu unterscheiden.
Einleitung: Der DHMO-Vorfall
Kennst du den DHMO-Vorfall (Dihydrogenmonoxid)?

Seit Jahren warnen Aktivisten vor der gefährlichen Chemikalie DHMO. Sie behaupten, sie sei ein Hauptbestandteil von saurem Regen, könne in gasförmigem Zustand schwere Verbrennungen verursachen und werde als Kühlmittel in Kernreaktoren verwendet.
Der Twist? DHMO ist schlicht die wissenschaftliche Bezeichnung für Wasser.
Dieser klassische Hoax zeigt, wie leicht wissenschaftliche Fakten verdreht werden können, um Angst zu schüren. In der Kosmetikindustrie nennt man das oft „Chemophobie“. Wenn eine Marke behauptet, ein Produkt sei „chemiefrei“, ist das schlichtweg falsch. Wasser, ätherische Öle und sogar deine eigene Haut bestehen aus Chemikalien. Alles, was du berühren oder riechen kannst, ist Chemie.
In diesem Guide untersuchen wir die Psychologie hinter Free-from Claims in der Kosmetik, damit du lernst, hinter den Marketing-Hype zu blicken.
Das Problem mit „Chemie = Böse“
Der Begriff „Chemie“ wurde im Marketing dämonisiert. Doch in der Wissenschaft gilt: Die Dosis macht das Gift. Bleiben wir beim Wasser:
Es ist korrosiv (es lässt Metall rosten).
In zu großen Mengen getrunken, kann es tödlich sein (Hyperhydration).
Es wird in Kernreaktoren genutzt.
Wir verbieten Wasser nicht, weil wir den Kontext verstehen. Diesen kritischen Blick brauchen wir auch für unsere Hautpflege.

Das „Free-from“ Claims in Kosmetiks Gebet: Wahrheit oder Ablenkung?
Parabenfrei, silikonfrei, seifenfrei... Du hast diese „Gebete“ sicher schon oft auf Verpackungen gelesen. Für viele Verbraucher wirken diese Claims wie ein Gütesiegel für Sicherheit. In der Realität ist es jedoch oft die Kunst, eine Wahrheit zu verkünden, um andere, weniger populäre Entscheidungen zu verbergen.
Seit 2019 sind diese Claims strenger reguliert, doch im Internet dominieren sie weiterhin. Ein Produkt, das „frei von Schadstoffen“ ist, wirkt sofort positiv. Aber wir müssen fragen: Wie relevant sind diese Aussagen wirklich?
Nicht alle Familienmitglieder sind gleich
Chemikalien in der Kosmetik werden oft in „Familien“ wie Parabene, Silikone oder Sulfate gruppiert. Dabei wird oft vergessen: Nicht alle Mitglieder einer Familie sind gleich.
Die Paraben-Familie: Während einige langkettige Parabene eingeschränkt wurden, gehören kurzkettige Parabene (wie Methylparaben) zu den am besten untersuchten und sichersten Konservierungsmitteln überhaupt.
Das Silikon-Spektrum: Ein Label wie „silikonfrei“ stempelt eine ganze Stoffgruppe als Bösewicht ab – dabei gibt es riesige Unterschiede zwischen schweren, okklusiven Silikonen und flüchtigen Stoffen, die der Haut Schutz bieten, ohne sie zu beschweren.
Die rechtliche Lage: EU-Verordnung Nr. 655/2013
Früher nutzten Marken „Frei von X“, um X gefährlich erscheinen zu lassen. Heute ist das durch die EU-Verordnung Nr. 655/2013 und das technische Dokument von 2017 strenger geregelt:
Lauiterkeit (Wahrheit): Man darf nicht „frei von Konservierungsstoffen“ sagen, wenn das Produkt „multifunktionale Inhaltsstoffe“ enthält, die genau diese Funktion übernehmen.
Ehrlichkeit (Unsinns-Claims): Man darf nicht mit „frei von Quecksilber“ werben, da Quecksilber in der EU ohnehin gesetzlich verboten ist. Auch „silikonfrei“ auf einer Zahnpasta ist oft irreführend, wenn Silikone dort nie relevant waren.
Fairness: Claims dürfen Inhaltsstoffe nicht herabwürdigen, die von Behörden als sicher eingestuft wurden. Die EU sieht viele Free-from Claims als „unlauteren Wettbewerb“ an.
Das „Konservierungs-Paradoxon“
Wenn eine Marke mit „parabenfrei“ wirbt, muss sie die Parabene ersetzen, um Schimmel und Bakterien zu verhindern. Das führt oft zum Konservierungs-Paradoxon: Hersteller greifen zu weniger gut untersuchten Alternativen.
Diese können eine höhere Rate an Hautirritationen oder Allergien aufweisen als die Parabene, die sie ersetzt haben. Wäre das Marketing ehrlich, müsste es heißen: „Wir entfernen diesen Stoff wegen schlechter PR und ersetzen ihn durch einen kontroversen Stoff, der (noch) keine Aufmerksamkeit erregt hat.“

Achte auf der INCI-Liste darauf, was nicht beworben wird:
Zweifelhafte Konservierer (wie Methylisothiazolinone).
Billige Füllstoffe wie Mineralöle.
Ethoxylierte Tenside (z.B. PEG-Verbindungen).
Wann „Frei von“ wirklich sinnvoll ist
Nicht jeder Free-from Claim ist schlecht. Sie sind wichtige Werkzeuge für:
Allergiker: Wer eine nachgewiesene Allergie gegen Methylisothiazolinone (MIT) hat, braucht diese Kennzeichnung.
Ethik: Für Veganer ist „frei von tierischen Inhaltsstoffen“ essenziell.
Spezielle Bedürfnisse: „Parfümfrei“ ist wichtig für extrem sensible Haut, während „ohne Duftstoffe“ (unscented) oft Maskierungsdüfte enthalten kann.
Checkliste: Inhaltsstoffe lesen wie ein Experte
Lass dich nicht von der Vorderseite der Flasche täuschen. Nutze diese drei Schritte:
Die „Top 5“-Regel: Die ersten fünf Inhaltsstoffe machen meist 80 % des Produkts aus. Steht ein „Wirkstoff“ hinter den Konservierungsmitteln, ist er oft nur Marketing-„Fairy-Dust“.
Multifunktionale Stoffe erkennen: Steht „konservierungsmittelfrei“ auf der Packung, aber Pentylene Glycol oder p-Anisic Acid in der Liste? Dann wird das Produkt durch diese Stoffe haltbar gemacht.
Neutrale Datenbanken nutzen: Prüfe die INCI-Liste auf Portalen wie Hautschutzengel oder Incidecoder, anstatt der Story der Marke zu glauben.
FAQ
F: Sind Parabene wirklich gefährlich?
A: Wissenschaftliche Gremien (wie das SCCS) haben spezifische kurzkettige Parabene als sicher eingestuft. Die Panik entstand primär durch eine missinterpretierte Studie aus dem Jahr 2004.
F: Warum nutzen Marken diese Labels noch, wenn die EU sie einschränkt?
A: Weil Angst verkauft. Kunden wurden darauf trainiert, nach diesen Labels zu suchen. Marken nutzen sie, um wettbewerbsfähig zu bleiben, auch wenn sie wissenschaftlich „dünn“ sind.
F: Ist „Natur“ immer besser?
A: Nicht zwingend. Die Giftigkeit hängt vom Molekül und der Dosis ab, nicht von der Herkunft. Viele natürliche ätherische Öle enthalten mehr Allergene als synthetische Alternativen.




Kommentare